Besuch bei Nikolaus Kernbach

Ich wollte unbedingt Nikolaus Kernbach besuchen. Er wohnt nicht weit entfernt von Ravensburg, also bin ich hin zu ihm, nach Aulendorf.

Vor dem Wohnhaus steht noch ein Haus, das Atelierhaus und vor dem Atelier und ums Atelier herum ist alles voll von Steinen. Hinter dem Atelier parken ein Gabelstapler, ein Anhänger und anderes Gerät - fast wie auf einer Minibaustelle.

Weil’s so kalt war, hat Nikolaus Kernbach erst mal eingeheizt. Als das Holz im Ofen brannte und ich so hin und her lief, sah ich sie: Steinblöcke, in Regalen, auf Paletten, an der Wand, auf dem Boden, in einer Presse. Geschnitten, gesägt, gehauen, gestellt, gelegt, geschichtet.

Neugierig wie ich bin, fing ich an zu fragen. Nikolaus Kernbach ist zwar keine großer Redner, aber als er merkte, dass ich mich wirklich für seine Kunst interessierte, da fing er an zu erzählen...

Und die Stunden vergingen, zum Schluss saßen wir sogar noch zusammen vor dem Computer und ich durfte mir den absolut spannenden „Steinbruch-Film“ ansehen.

Ich schreib’ dir unser Gespräch ein bisschen zusammen, vielleicht hast du ja Lust, mehr zu erfahren.

Mehli:
Hallo Herr Kernbach. Wussten Sie bald, dass Sie Künstler werden wollen?  

Antwort Nikolaus Kernbach:
Nicht sofort. Zuerst habe ich eine handwerkliche Ausbildung zum Steinmetz gemacht. Als ich dann in Freiburg an der Münsterbauhütte arbeitete, ist mir klar geworden, dass ich nicht ewig einer sein wollte, der die alten Figuren nachbaut. Ich konnte mir eine Zukunft als einer, der Altes kopiert nicht wirklich vorstellen. Mir ist Handwerk schon wichtig, aber nicht, um Gotik nachzuarbeiten  

Mehli:
Das kann ich gut verstehen, allerdings war das auch mutig von Ihnen, nochmals neu anzufangen.  

Antwort Nikolaus Kernbach:
Ich wollte Künstler werden. Also suchte ich eine Akademie. In Nürnberg begann ich dann mit dem Studium zum „freien Bildhauer“.  

Mehli:
Heißt „frei“, dass Sie machen konnten, was Sie wollten?

Anwort Nikolaus Kernbach:
Eigentlich schon, aber ich wollte vor allem erfahren, wie Skulptur aufgebaut ist, wie sie funktioniert: Wie gehe ich mit Übergängen um? Wie führen mich Überschneidungen um die Arbeit herum? Was sehe ich davor und dahinter, schon muss ich mich in Bewegung setzen...

Wenn sich dies als Neugier auf den Betrachter überträgt, wenn er sich durch Bewegung die Form im Kopf zusammenbaut, dann entsteht Skulptur.

Mehli:
Und wie kamen Sie dann zu dem „Steinturm“?

Antwort Nikolaus Kernbach:
Ich interessierte mich immer mehr für die Struktur des Gesteins, seinen Aufbau, seine Schichtung, seine „Geschichte“. Daraus entstand für mich die Frage: wie kann ich diese „Geschichte“ in meine Arbeit einbauen, so dass eine neue Skulptur entsteht.

Schon der Steinbruch ist ja eine riesige, gebaute Skulptur, die auch noch ständig verändert wird: nach dem Abbau der Rohblöcke und der Spaltung in feinere Schichten kann ich einen Umbau vornehmen, einen neuen, anderen als den ursprünglichen Aufbau.

Teilweise verlasse ich dabei sogar die Sicherheit des ursprünglichen Aufbaus, gewinne dafür aber neuen Raum!

Mehli:
Wer mit Steinen arbeitet, muss sicher sehr stark sein. 

Antwort Nikolaus Kernbach:
Das denken alle. Klar habe ich Kraft, aber wenn ich große Steine bewegen will, dann muss ich das mit dem Kopf machen.  

Mehli:
Das versteh’ ich jetzt nicht.  

Antwort Nikolaus Kernbach:
Ich meine, ich muss meiner Sache sehr sicher sein. Ich muss genau wissen, was ich will und was möglich ist, bevor ich mich auf eine Skulptur einlasse. Wenn der Sprengmeister auch für mich Material aus dem Steinbruch sprengt, dann kann und darf ich ihm dabei nicht helfen. Ich muss wissen, was ich von ihm will. Das meine ich mit „Kopf“. Bei meiner Vorgehensweise als Bildhauer ist Korrektur nicht mehr möglich. Maler können eine Bild übermalen, wenn es ihnen nicht gefällt. Ich muss wissen, wo ich bohre und wo ich schlage, denn es gibt kein Zurück.  

Mehli:
Das klingt nach vollem Risiko!  

Antwort Nikolaus Kernbach:
Ja und nein. Wer viele Jahre mit Stein arbeitet, der weiß natürlich, was geht und was nicht. Aber ein Stein ist nie auf den Millimeter berechenbar, das gefällt mir!

Mehli:
Und wenn Sie mal nicht arbeiten, was machen Sie dann?  

Antwort Nikolaus Kernbach:
Für mich gibt es keine Trennung in Arbeitstag und Wochenende. Mein ganzes Leben dreht sich um die Kunst. Wenn ich ein Buch lese, lese ich es als Bildhauer. Wenn ich spazieren gehe, schaue ich mir die Landschaft als Bildhauer an. Und wenn ich mit meiner Frau rede, spielt oft die Kunst eine Rolle, denn auch sie ist Künstlerin.  

In jeder meiner Skulpturen stecken unzählige Stunden Denkarbeit. Ich mache auch keine Vorzeichnungen, nur winzige Skizzen in einem Büchlein. Wenn ich den Stein bearbeite, geht alles sehr schnell. Denn ich fange immer erst an, wenn die Klarheit im Kopf da ist.  

Mehli:
Habe ich Sie also richtig verstanden, dass es Ihnen sehr wichtig ist, dass wir beim Anschauen Ihrer Skulpturen Zeit mitbringen? 

Antwort Nikolaus Kernbach:
Ja, das wäre schön. Das war auch ein Grund, warum ich mir für die große Skulptur den Platz zwischen den Schulen ausgesucht habe. Er liegt abseits vom Trubel der Stadt und doch begegnen sich dort viele Schülerinnen und Schüler.  

Mehli:
Sie mögen es also, wenn man Ihre Skulpturen finden und entdecken muss.

Antwort Nikolaus Kernbach:
Ja, so kann man das sagen.

Und als ich dann noch einige Steine berührt hatte und langsam kalte Füße bekam, da lud mich Nikolaus Kernbach ein, mit ihm den Entstehungsfilm seiner großen Skulptur „schichtweise“ anzusehen. Dann musste ich leider wieder heim nach Ravensburg. Und morgen will ich zur Wiese zwischen den Schulen. Warst du schon mal dort? 

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